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Flucht und Fluchtversuche aus der DDRAnfangs bestand die Grenzsicherung "nur" aus Stacheldraht und spaníschen Reitern. Nur die wenigen verbliebenen Übergänge waren mit Betonklötzen gesichert, schließlich brauchte man den Beton zum Bau von Wohnungen. Alle Übergänge waren aber stark bewacht. Die Zugänge zu den S-Bahn- und U-Bahnhöfen waren für die in den Westen führenden Linien verschlossen worden, aber trotz aller Bemühungen waren die Sperranlagen eher noch provisorischer Natur. In Ost-Berlin begriff man, dass die Fluchtwege nun endgültig versperrt sein würden. So kam es, dass am ersten Tag nach dem Schließen der Grenze noch ca. 1000 Menschen panikartig die Flucht ergifffen. Der Grenzpolizist Conrad Schumann flüchtet am 15. August durch seinen als Foto festgehaltenen Sprung über den Stacheldraht. Ihm sollten weitere 2000 Grenzsoldaten folgen. Am 22. September ließen sich Leute aus der 4. Etage eines Hauses in der Bernauer Str. aus dem 4. Stock in das Sprungtuch der Feuerwehr fallen. Weitere Fluchtversuche gab es in der Nähe von Sonneberg in Thüringen, wo 70 Personen den Stacheldraht überwanden, in Herleshausen raste ein junger Unteroffizier mit seinem Motorrad durch den Drahtverhau, nachdem er seine Kollegen überlistet hatte. Ein LKW mit 8 Personen durchbrach in Berlin die Sperre. Aber es gab auch Tragödien: Beim Sprung aus dem Fenster des schon erwähnten Hauses in der Bernauer Str. verletzte sich eine 58jährige, sie erlag später den Verletzungen. Als Reaktion darauf wurden die Bewohner von jetzt auf gleich zwangsumgesiedelt. Das bekannteste Opfer der ersten Tage war zweifellos Peter Fechter, Maurergeselle aus Berlin-Weißensee. Er wollte zu seiner Schwester flüchten, die er kurz vor dem Mauerbau das letzte Mal gesehen hatte. Zusammen mit einem Kollegen hatten sie sich ganz in der Nähe des berühmten „Checkpoint Charlie" einen Fluchtweg
ausgekundschaftet. Sie kamen auch unentdeckt über den Stacheldrahtzaun. Auf den letzten Metern vor der Mauer wurden sie aber doch entdeckt und beschossen. Wie sich später rausstellte, wurden von 2 Grepos insgesamt 21 Schüsse abgegeben. Auch ein Flüchtling, der durch den Teltowkanal nach West-Berlin schwimmen wollte, wurde tödlich von den Schüssen der Grenzpolizisten (GrePo) getroffen.Relativ schnell (bereits im November 1961) wurde dann die 2. Generation des "antifaschistischen Schutzwalls" gebaut - Bauarbeiter (es durften nur verheiratete Männer an der Mauer arbeiten) mussten sich mit Blocksteinen unter strengster Bewachung selbst einmauern. Während dieser Zeit wurde selbst das ehrgeizige Wohnungsbauprogramm gedrosselt. Alles, was dem zügigen Ausbau oder einem freien Schussfeld im Wege stand, wurde gnadenlos platt gemacht. Egal, ob es sich um Wohnhäuser, Kirchen oder auch Friedhöfe handelte. Die Mühe, die Toten vorher umzubetten, machte sich niemand. Der erste katholische Friedhof in Berlin wurde regelrecht verwüstet. Längst waren aber auch schon die ersten Fluchthelfer unterwegs. Studenten mit westdeutschen oder ausländischem oder Pass oder sogar Diplomatenpass. Sie konnten sich auch in Ost-Berlin noch verhältnismässig frei bewegen. Mit geborgten oder auch gefälschten Pässen holten sie Fluchtwillige aus dem Ostteil der Stadt raus (siehe auch → Fluchthilfe.de). Auch Autos wurden umgebaut, in denen Personen aus der DDR in den Westen geschmuggelt wurden. Dazu gehören auch Autos wie der Käfer oder der Mini, denen man es gar nicht zutraut, ein Versteck zu bieten. Die Krönung (jedenfalls meiner Meinung nach) war der Umbau einer Isetta, in der schon 2 Personen recht wenig Platz hatten. Eine weitere bemerkenswerte Leistung war die Flucht mit einem flachen Sportwagen, der unter den Schranken am Checkpoint Charlie durchraste. Und durchpasste! Alles zu sehen und nachzulesen im → "Haus am Checkpoint Charlie". Nachdem die Mauer relativ schnell "verbessert" und damit undurchdringlicher war, waren neue Ideen zur Flucht gefordert. Einfach losrennen und rüberklettern war nicht mehr möglich. Ein kühnes Unternehmendes Leipziger Diplom-Ökonoms Heinz Holzapfel datiert vom 28.07.1965. Der Plan an sich war simpel, genial und gefährlich zugleich. Heinz Holzapfel hatte des öfteren im "Haus der Ministerien" zu tun und bemerkte dabei, das der Südflügel dieses Gebäudes direkt an die Sektorengrenze angrenzte. Auf der Westseite jenen Tages warteten seine Verwandten, er selbst ließ sich mit seiner Frau und seinem Kind auf einer Toilette im obersten Stockwerk einschließen. An dieser hatte er ein Schild "Außer Betrieb" befestigt. Nach Dienstschluss und Einbruch der Dunkelheit warf er zu der mit seinen Verwandten verabredeten Zeit einen mit Schaumgummi umgebenen und mit Leuchtfarbe bemalten Hammer über die Mauer, an dessen Stiel er ein dünnes Perlonseil befestigt hatte. Die Verwandten suchten und fanden den Hammer im hohen Unkraut und befestigten ihrerseits ein Stahlsein an dem Perlonseil. Unter Aufbietung aller seiner Kräfte gelang es Heinz Holzapfel, das Seil nach oben zu ziehen – wenige Meter neben einem Wachhäuschen eines sowjetischen Postens. Das Stahlseil wurde am Fahnenmast des Hauses befestigt. Mit einer Selbstkonstruktion in Art einer Seilbahn fuhr die Familie über die Mauer in die Freiheit zu den Verwandten. Die Flucht wurde trotz eines kleinen Missgeschicks erst am nächsten Tag entdeckt. Hein Holzapfel verlor auf der Flucht seine Ledertasche, als der Riemen riss. Obwohl sie laut hörbar auf dem Boden im Hof des "Hauses der Ministerien" aufschlug, kümmerte sich niemand drum. Ähnlich flüchteten zwei weitere Ost-Berliner. Im Gebäude einer Zeitungsdruckerei in Mauernähe zersägten sie ein Fenstergitter, warfen einen Wurfanker über die Mauer und seilten sich nach Kreuzberg (US-Sektor) ab. ![]() Hinweisschild am Checkpoint Charlie Am S-Bahnhof Friedrichstraße, dem wohl kompliziertesten Gebilde in einer komplizierten Stadt, verlief die Trasse der Stadtbahn (Teil der Berliner S-Bahn) dicht an den Häuserfronten. Da die S-Bahn direkt nach der Ausfahrt erst allmählich Fahrt in Richtung Lehrter Bahnhof (der lag bereits im Westteil der Stadt) aufnahm, nutzte eine Gruppe von 12 Oberschülern die Gelegenheit, auf den Zug aufzuspringen, um wenige Minuten später im Westen angekommen zu sein. Kurze Erklärung zum S- und U-Bahnhof Friedrichstraße: Auch über das Wasser wurde geflüchtet: Auch in Berlins Untergrund wurde geflüchtet - über Anlagen der Kanalisation oder über gegrabene Tunnel (auch hier: → Fluchthilfe.de oder auch das Buch bzw. der Film „Der Tunnel"). Ende der 60er Jahre kam dann die 3. Generation von Mauer zum Einsatz, die überwiegend aus Fertigteilen bestand. Auch zum Thema Mauer wieder eine Statistik:
Das „Grenzsicherungssystem" der DDR rund um Berlin (Zahlen vom Juli 1989)
Die amtliche offizielle Zahl der bei Fluchtversuchen getöteten Personen ist 938, Experten gehen aber davon aus, dass die tatsächliche Zahl höher liegt. Niemand weiß, wie viele Leute bei Fluchtversuchen z.B. in der Ostsee ertrunken sind, von Grenzpolizisten oder Grenzsoldaten getötet wurden oder von den Selbstschussanlagen zerfetzt wurden... Michael Neuhauß |
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